Healthcare and Medicine Reference
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Evidenzbasierte Medizin orientiert sich nicht nur an Intuition, unsystematischen
individuellen Erfahrungen eines Arztes (auch nicht eines Chefarztes) oder an veralte-
ten Lehrbüchern, sondern versucht, ärztliche Entscheidungen auf wissenschaftliche
und objektive Belege (und so ist das englische Wort »evidence« zu verstehen) zu grün-
den. Nach dem britischen Epidemiologen David Sackett (geb. 1934) ist EBM der ge-
wissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten exter-
nen, wissenschaftlichen Evidenz bei der Versorgung individueller Patienten. Systema-
tische Übersichtsarbeiten mit Metaanalysen und einzelne randomisierte klinische
Therapiestudien sind die Basis für eine solche Vorgehensweise, und es erscheint sinn-
voll, dass sich ein Arzt bei der Patientenbehandlung an den Ergebnissen aller verfüg-
barer relevanter Studien mit guter Qualität orientiert.
Dies hört sich selbstverständlich an, ist aber in der Realität nicht einfach umzuset-
zen. Die Ergebnisse aus der medizinischen Forschung und die daraus hervorgehenden
Publikationen vermehren sich rasant. In der knapp bemessenen Lesezeit ist ein um-
fassendes Literaturstudium vom einzelnen Arzt nicht mehr zu bewältigen. EBM bietet
durch ein strukturiertes Vorgehen Hilfe bei der ärztlichen Entscheidungsfindung.
Dabei muss der behandelnde Arzt nicht in jedem Einzelfall die Originalliteratur lesen.
Häufig kann er mittlerweile auf gute Sekundärliteratur zurückgreifen, in der Kollegen
die gesamte verfügbare Literatur zu einer bestimmten Fragestellung (z. B. »Wie be-
handle ich die Psoriasis am besten?«) nach den Gesichtspunkten der EBM gesichtet
und analysiert haben.
Darüber hinaus stellt die evidenzbasierte Bewertung medizinischer Literatur ei-
nen wichtigen Beitrag zur Qualitätsverbesserung und Qualitätssicherung in der Kli-
nik und in der Gesundheitsversorgung dar. Aus diesen Gründen hat die EBM in den
letzten Jahren an Bedeutung gewonnen und findet sowohl in der klinischen Praxis als
auch im Bereich der Leitlinienentwicklung zunehmend Einzug. Leitlinien der höchs-
ten Stufe setzen eine evidenzbasierte Evaluation der Literatur voraus.
15.3.2 Evidenzbasierte Fallberichte***
EBM fokussiert sich auf den individuellen Patienten, für den es gilt, die bestmögliche Diagnos-
tik  bzw. Therapie auszuwählen. Aufbauend auf dem Konzept von David Sackett erfolgt ein
mehrstufiges Vorgehen. An erster Stelle steht die Formulierung einer klinischen Fragestel-
lung.  Die weiteren Schritte geben den weitgehend standardisierten Prozess der Entschei-
dungsfindung an. Diese basiert auf der kritischen Bewertung der gefunden Literatur; dabei
werden die Ressourcen der Cochrane Collaboration (CC;
Abschn. 15.3.3), jedoch auch ande-
rer medizinischer Datenbanken genutzt. Am Ende steht die Überprüfung der getroffenen Ent-
scheidung.
Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Ein Patient, der unter verstärktem Schwitzen im Bereich der
Achseln (Hyperhidrose) leidet, stellt sich in der Praxis eines Dermatologen vor. Damit ergibt sich
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