Healthcare and Medicine Reference
In-Depth Information
13.4.5 Spezielle Kohortenstudien***
Die Population, die bei Kohortenstudien untersucht wird, wird meist in der Gegenwart zusam-
mengestellt und dann über einen längeren Zeitraum beobachtet (»begleitende Kohortenstu-
die«). Auf die damit verbundenen Problematiken (insbesondere bei langen Induktionsperioden
oder Krankheiten mit geringer Inzidenz) wurde bereits hingewiesen. Bei Studien, die auf eine
sehr lange Zeit hin geplant sind, weiß der Versuchsleiter manchmal nicht, ob er das Ende der
Studie überhaupt erleben wird.
Es ist aber auch denkbar, Kohortenstudien »mit Verspätung« durchzuführen: Man startet in
der Vergangenheit und greift zur Erfassung der Exposition und der Zielgröße auf bereits
dokumentierte Daten zurück. Diese wertet man dann prospektiv aus (die Art der Datener-
fassung ist jedoch retrolog). Dieses Design nennt man historische Kohortenstudie . Andere
Bezeichnungen sind retrospektive Kohortenstudie oder Kohortenstudie mit zurückverleg-
tem Ausgangspunkt . Dieser Studientyp wird gern in der Arbeitsmedizin verwendet (wenn z. B.
Bergwerkarbeiter und Büroangestellte auf das Vorhandensein einer Silikoselunge untersucht
werden). Der Vorteil besteht darin, dass die Zeit zwischen Exposition und Auftreten der
Krankheit nicht abgewartet werden muss. Andererseits ist auf die Qualität der Daten nicht
immer Verlass.
Eine weitere Besonderheit stellen die eingebetteten (»nested«) Fall-Kontroll-Studien dar. Eine
solche Studie startet wie eine Kohortenstudie in der Gegenwart mit nichterkrankten Personen.
Zu Beginn werden von allen Studienteilnehmern Daten erhoben, Blut- oder Urinproben ent-
nommen und in geeigneter Weise aufbewahrt. Sind nach einiger Zeit genügend Krankheitsfälle
aufgetreten, fasst man diese zu einer »Fallgruppe« zusammen; aus den nichterkrankten Teilneh-
mern bildet man eine überschaubare Kontrollgruppe. Erst wenn diese beiden Gruppen definiert
sind, analysiert man deren Daten und Laborproben. Dieses Studiendesign ist wesentlich weni-
ger aufwendig als eine begleitende Kohortenstudie, bei der alle Teilnehmer untersucht werden.
Außerdem ist die Datenqualität besser als bei Fall-Kontroll-Studien, da die Daten erhoben und
die Proben entnommen werden, ehe die Krankheit eingetreten ist.
13
Nachweis einer Kausalität***
13.5
Eine kausale Beziehung zwischen Risikofaktor und Krankheit lässt sich theoretisch am besten
durch ein Experiment nachweisen, bei dem die Hälfte der Teilnehmer nach Randomisierung ei-
nem Risiko ausgesetzt wird und die andere Hälfte nicht. Aus ethischen Gründen ist dies jedoch
nicht vertretbar. Laborexperimente (z. B. mit Ratten) können hier, obwohl sie in einem anderen
biologischen System arbeiten, Hinweise geben.
In seltenen Fällen bietet sich ein quasiexperimentelles Design an: Dieses unterscheidet sich von
einem »echten« Experiment dadurch, dass die Zuordnung zur Experimental- bzw. Kontrollgrup-
pe aufgrund natürlicher Eigenschaften der Studienteilnehmer erfolgt. Ein Beispiel: Eine quasi-
experimentelle Studie eignet sich zum Nachweis, dass das radioaktive Edelgas Radon ein Risiko-
faktor für Lungenkrebs darstellt. Die zu vergleichenden Gruppen sind auf natürliche Weise vor-
gegeben:
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