Healthcare and Medicine Reference
In-Depth Information
1
lasste ihn zu der Vermutung, dass die Ärzte und Studenten den gebärenden Frauen »Leichenteil-
chen« übertrugen, die das Kindbettfieber verursachten. Dies war in der damaligen Zeit, als bak-
teriologische Erreger noch unbekannt waren, eine sehr gewagte Hypothese. Semmelweis setzte
gegen den Widerstand seiner Kollegen hygienische Maßnahmen durch; die Sterblichkeit sank
daraufhin drastisch auf unter 2% in beiden Abteilungen. Obwohl Semmelweis seine Hypothese
eindrucksvoll bestätigen konnte, wurden seine aus heutiger Sicht bahnbrechenden Erkenntnis-
se zu seinen Lebzeiten nicht anerkannt.
Etwas später, im Jahre 1865, stellte der Augustinermönch Gregor Johann Mendel (1822-1884)
seine Vererbungsgesetze vor, die er nach einer langen und mühsamen Forschungsarbeit eben-
falls mit statistischen Methoden verifiziert hatte. Auch diese Erkenntnisse fanden zunächst keine
große Beachtung.
Entwicklung in Deutschland
Die in England, Paris und Wien durchgeführten Studien nahmen deutsche Ärzte kaum zur Kennt-
nis. Es gab Kommunikationsprobleme nicht nur sprachlicher Art. Dies lag unter anderem am da-
mals herrschenden Zeitgeist. Deutschland stand unter dem Einfluss der romantischen Naturphi-
losophie, bei der das Individuum im Vordergrund stand. Ein Vertreter dieser Denkrichtung war
der Begründer der Homöopathie Christian Friedrich Samuel Hahnemann (1755-1843). Eine bevöl-
kerungsbezogene und naturwissenschaftlich orientierte Medizin sowie die Anwendung statisti-
scher Methoden konnten sich bei dieser Grundeinstellung kaum durchsetzen. Außerdem war
man bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gewohnt, dass ein Wissenschaftler den deterministischen
Verlauf eines Geschehens angeben konnte. Man forderte Gewissheit und nicht Unsicherheit.
Semmelweis konnte jedoch im Einzelfall nicht vorhersagen, ob eine Frau die Geburt überleben
würde; er konnte nur Wahrscheinlichkeiten angeben. Diese fundamentale Eigenschaft der Sta-
tistik - sie erlaubt keine gesicherten Aussagen bezüglich eines Einzelfalls, sondern nur für eine
große Menge von Personen oder Objekten - wird auch heute noch von vielen Anwendern emo-
tional als Nachteil anstatt als nüchterne Tatsache angesehen. Im Übrigen lässt sich das Phäno-
men, wonach neue Methoden zunächst sehr skeptisch beurteilt werden, bis in die heutige Zeit
hinein beobachten.
Entwicklung im 20. Jahrhundert
Aus all diesen Gründen hat sich die Anwendung der Statistik in der Medizin lange verzögert. Ein
weiterer Grund für die mangelnde Akzeptanz lag in der Statistik selbst. Es handelte sich bei den
bis dahin verwendeten statistischen Methoden überwiegend um den Vergleich einfacher Häu-
figkeiten. Erst im 20. Jahrhundert wurden Methoden entwickelt, mit denen sich anhand einer
relativ kleinen Stichprobe allgemein gültige Zusammenhänge absichern lassen. Diese Metho-
den haben der medizinischen Wissenschaft enorme Impulse verliehen.
Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistete der bereits erwähnte Sir Ronald Aylmer Fisher , der sich
unter anderem intensiv mit den Themen Versuchsplanung und -auswertung befasste. Dem Inter-
nisten Paul Martini (1889-1964) sowie den Biostatistikern Arthur Linder (1904-1993) und Erna
6
 
Search Pocayo ::




Custom Search