Healthcare and Medicine Reference
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Anwendungen der Statistik in der Medizin***
1.2.3
Wurzeln in England
Der Forderung Bacons, zahlreiche Einzelfälle zu beobachten und auszuwerten, stand zunächst
entgegen, dass sich die Medizin bis ins 18. Jahrhundert hinein traditionell nur mit einzelnen Pa-
tienten befasste. Bacons neuer Erfahrungsbegriff war grundlegend dafür, dass fortan klinische
Studien durchgeführt und die daraus erhobenen Daten analysiert wurden. Er kam zunächst in
England, wenn auch zögerlich, zur Anwendung.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass die ersten medizinischen Publikationen mit
statistischen Analysen in England erschienen. Der Landarzt Edward Jenner (1749-1823) verifi-
zierte statistisch die prophylaktische Wirkung der Kuhpockenimpfung. Der Sozialreformer Edwin
Chadwick (1800-1890) beschrieb die Gesundheit der arbeitenden Klassen in England und gab
damit der Hygienebewegung wichtige Impulse. Seine Daten gründeten sich auf statistischen
Analysen von William Farr (1807-1883), der Berichte über Todesursachen in England publiziert
hatte. Wie John Snow (1813-1858) entdeckte, hing das Cholerarisiko in London mit der Qualität
des Trinkwassers zusammen. Seine Forschungsarbeiten zählen zu den ersten und spektakulärs-
ten Leistungen auf dem Gebiet der Epidemiologie.
Auswirkungen auf Europa
Im 18. Jahrhundert entstanden in einigen europäischen Städten wie z. B. in Berlin, Paris oder
Wien Krankenhäuser, die die Beobachtung größerer Kollektive ermöglichten. Als der Begründer
der klinischen Statistik gilt Pierre Charles Alexandre Louis (1787-1872), der eine naturwissen-
schaftlich orientierte Medizin vertrat. Er überprüfte die Wirkung des Aderlasses und wies - nach-
dem diese Methode jahrhundertelang angewandt worden war - mittels statistischer Analysen
nach, dass dieses Mittel nutzlos oder gar schädlich war.
Ignaz Philipp Semmelweis (1818-1865) war der erste Mediziner im deutschsprachigen Raum, der
den Zusammenhang zwischen einer Krankheit und einem ätiologischen Faktor mit statistischen
Methoden nachwies. Semmelweis war seit 1846 Assistent an der Geburtsklinik des Wiener Allge-
meinen Krankenhauses, die aus zwei Abteilungen bestand. Die Mortalitätsraten der Wöchnerin-
nen differierten sehr stark: Zwischen 1841 und 1846 starben in der einen Abteilung durch-
schnittlich 9,9%, in der anderen dagegen nur 3,4% der Frauen. In der Abteilung mit der geringe-
ren Mortalitätsrate arbeiteten nur Hebammen. In der anderen Abteilung waren Ärzte und Stu-
denten, die auch Leichen sezierten, als Geburtshelfer tätig. Dabei war die Mortalitätsrate in der
Ärzteabteilung großen Schwankungen unterworfen. Wie Semmelweis beobachtete, war sie
immer dann besonders hoch war, wenn viele pathologische Studien durchgeführt wurden. In
Zeiten allerdings, in denen keine Leichen seziert wurden, waren die Mortalitätsraten in beiden
Abteilungen etwa gleich groß. Dieser Zusammenhang war für Semmelweis zunächst nicht er-
klärbar.
Ausschlaggebend für Semmelweis' Entdeckung war der Tod seines Freundes und Kollegen Ja-
kob Kolletschka , der sich beim Sezieren mit dem Messer verletzt hatte. Semmelweis erkannte die
Parallelität der beiden Krankheitsbilder des Kindbettfiebers und des Wundfiebers. Dies veran-
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