Healthcare and Medicine Reference
In-Depth Information
»
Das, wobei unsere Berechnungen versagen,
nennen wir Zufall. (Albert Einstein)
Aufgaben der Wahrscheinlichkeitsrechnung
6.1
Unser Alltag ist bestimmt von unendlich vielen Zufälligkeiten und Irregularitäten. Wir
haben gelernt, Wahrscheinlichkeiten intuitiv abzuschätzen, um unseren Alltag regeln
zu können - ansonsten würden wir im Überangebot der auf uns einströmenden Infor-
mationen zugrunde gehen. Wir verlassen uns beispielsweise darauf, dass wir sicher am
Ziel ankommen, wenn wir ein Fahrzeug besteigen, und wir kalkulieren bei unseren
Zukunftsplänen keinen Lottogewinn ein. Ein Arzt vertraut darauf, dass die von ihm
verordnete Therapie den gewünschten Erfolg erzielt oder dass ein Patient durch eine
Impfung einer möglichen Epidemie entgeht. Mit einem unwahrscheinlichen Ereignis
befassen wir uns erst dann, wenn dieses - entgegen unseren Erwartungen - eingetre-
ten ist. Wir orientieren uns also nicht nach Sicherheiten, sondern geben uns meistens
notgedrungen mit Wahrscheinlichkeiten zufrieden.
Der Begriff »wahrscheinlich« und davon abgeleitete Ausdrücke entstammen un-
serer Umgangssprache. Mit Sätzen wie »Morgen scheint wahrscheinlich die Sonne«
oder »Es ist unwahrscheinlich, dass nach einer Impfung dauerhafte Schäden zurück-
bleiben« drücken wir Vermutungen aus bezüglich Ereignissen, die wir nicht vorher-
sehen können. Dabei handelt es sich um subjektive Wahrscheinlichkeiten , die auf
alltäglichen Erfahrungen basieren. Diese können wir nach unserem persönlichen
Empfinden grob als hoch oder eher niedrig einstufen; es ist jedoch nicht möglich, sie
exakt zu quantifizieren. Manchmal sind derlei Einschätzungen vollkommen unrea-
listisch, weil wir uns bei subjektiven Beurteilungen gern von Wunschdenken oder
anderen psychisch bedingten, intellektuell kaum nachvollziehbaren Einflüssen täu-
schen lassen.
Auch die Prozesse und Entwicklungen in den Biowissenschaften unterliegen dem
Zufall. Man bezeichnet sie als probabilistisch - im Gegensatz zu deterministischen
Vorgängen, die sich exakt berechnen lassen. Für wissenschaftliche Untersuchungen ist
es notwendig, den Begriff der Wahrscheinlichkeit zu präzisieren und quantitativ zu
beschreiben. Diese Zahlenangaben bezeichnet man als objektive Wahrscheinlichkei-
ten . Die Aufgaben der Wahrscheinlichkeitsrechnung und der induktiven Statistik
bestehen darin, die Realität durch ein statistisches Modell hinreichend genau zu be-
schreiben und anhand dieses Modells Gesetzmäßigkeiten herzuleiten.
Dabei ist es unerheblich, ob die zu beschreibenden Vorgänge prinzipiell nicht er-
fassbar sind (wie z. B. der Zerfall eines radioaktiven Atoms), oder ob sie (wie bei den
meisten medizinischen Vorgängen) so komplex sind, dass sie sich einer deterministi-
schen Beschreibung entziehen und deshalb als probabilistisch angesehen werden. Dies
hat Albert Einstein erkannt und treffend formuliert.
6
 
Search Pocayo ::




Custom Search